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SENTINEL
- Facetten -
I
A Friend apologises,...
Er vernahm noch das Geräusch der quietschenden Reifen, als er den Wagen um die Ecke biegen sah. Mit verschränkten Armen und angespannten Kiefermuskeln – beide Zeichen deuteten auf Ärger hin – stand er auf dem Balkon seiner Wohnung. Der Regen, der auf ihn niederprasselte schien ihn nicht zu stören. Er stand einfach da und starrte in die Ferne. In Gedanken ging er noch mal die Ereignisse der letzten Nacht durch, die - fast unausweichlich - zu dieser Katastrophe geführt hatten.
~~~~~
Ein schwerer Tag lag hinter ihm. Zuerst hatte irgend so ein Idiot seinen Wagen demoliert, dann hatte Simon einen Fall nach dem anderen für ihn. Und der große Stapel von Schreibkram auf seinem Schreibtisch wurde auch immer größer. Als er dann endlich nach Hause kam, ermüdet und vollkommen erschöpft, genügten nur Kleinigkeiten um den großen Krach auszulösen. Das erste was er nach dem Öffnen der Tür vorfand, war ein auf den Boden geworfener Rucksack. Dann sah er Blairs Füße auf seinem Couchtisch. Genau das war zuviel. Er war ausgerastet, und hatte seinen Freund angeschrien wie selten zuvor.
‚Manchmal frage ich mich, wozu ich Sie eigentlich noch brauche!‘ Ja, sehr intelligent, Jim.
‚Das Beste wäre sowieso, wenn Sie verschwinden würden. Im Moment trampeln Sie mir nur auf den Nerven rum!‘ Feinfühliger ging es wohl nicht mehr, Ellison?
Die ganze Zeit über hatte Sandburg einfach nur dagestanden und kein Wort gesagt. Schließlich hatte er dann ohne ein Wort zu sagen seinen Rucksack und seine Jacke genommen, und ist zur Tür hinaus gegangen.
Und jetzt stand er hier - alleine - und machte sich die größten Vorwürfe. Das Einzige was er jetzt noch tun konnte, war in die Uni zu fahren, und zu versuchen Blair abzufangen. In der Hoffnung, der Freundschaft nicht allzuviel Schaden zugefügt zu haben.
~~~~~
Am nächsten Morgen lief er durch den langen Universitätsflur. Ein paar Mal vorher war er schon hier gewesen, aber selten hatte er sich so unwohl gefühlt wie jetzt. Obwohl immer noch viel Arbeit auf ihn wartete, und Simon wahrscheinlich schon leicht wütend war, kam er hierher. Blairs Freundschaft war ihm einfach wichtiger. Während er dem Flur entlang lief, gingen ihm die verschiedensten Sachen durch den Kopf. Aber alle drehten sich um Blair. Sein leeres Bett heute Morgen, die unberührte Kaffeetasse, der leere Stuhl am Frühstückstisch. All das fiel ihn jetzt ein. Und er ärgerte sich, daß er gestern so blöd gewesen war, daß ihm anscheinend nicht bewußt war, wie sehr seine Worte seinen Freund verletzten. Seine Gedanken wurden von der Tatsache unterbrochen, daß er schließlich vor Blairs Bürotür stand. Er konzentrierte sich auf eventuelle Geräusche, die darauf deuten würden, daß Blair anwesend war. Aber er hörte nichts. Keinen Herzschlag, keine Atmung. Anscheinend war niemand drin. Also ging er einfach hinein. Das Büro war ihm vertraut. Er war hier schon öfters gewesen. Der Plan an der Wand sagte, daß Blair im Moment ein Seminar über die alten Kulturen in Südamerika hielt. Dieses würde noch zehn Minuten dauern. Jim beschloß, einfach hier zu warten, und zu hoffen, daß Blair nach dem Seminar sein Büro aufsuchen würde. Sein Blick fiel auf eine dünne Decke, die über den Stuhl hing. Blair hatte also hier schlafen müssen. Spätestens jetzt taten ihm seine Worte vom gestrigen Abend aufrichtig leid. Er ging zu Sandburgs Stuhl hinüber und ließ sich darauf nieder. Wie erwartet fand er auf dem Schreibtisch ein regelrechtes Chaos vor. Es erinnerte ihn daran wie oft es schon Ärger zwischen ihnen beiden gab, weil Blair öfters mal ein solches Chaos in der Wohnung hinterließ. Trotzdem war der Junge schon erstaunlich. Er hatte es geschafft, daß er, Jim, manchmal ein wenig mehr aus sich heraus ging. Seit dem Tod seines früheren Partners hatte er mehrere Jahre alleine gearbeitet, seit der Scheidung von Carolyn alleine gewohnt. Aber dank Blair hatte sich dies geändert. Er war nicht mehr der Einzelgänger von früher. Ja, manchmal ließ er sich sogar freiwillig auf irgendwelchen Feiern blicken. Er konnte echt froh sein, so einen guten Freund gefunden zu haben.
~~~~~
Blair hatte gerade seine Vorlesung beendet. Ein paar Studenten kamen noch an seinem Tisch vorbei, weil sie noch Fragen hatten. Er beantwortete diese Fragen kurz und knapp, denn mit seinen Gedanken war er schon ganz woanders. Die ganze Nacht mußte er an den Streit mit Jim denken. Irgendwie hatte er es heute morgen dann geschafft, diese Gedanken soweit zu verdrängen, daß er einigermaßen vernünftig seine Seminare halten konnte. Nachdem er seine Sachen wieder in die Tasche gepackt hatte, machte er sich auf den Weg zu seinem Büro. Während er dem Flur hinunter lief, dachte er die ganze Zeit an Jims Worte. ‚Das Beste wäre sowieso, wenn Sie verschwinden würden!‘ Wie konnte er nur so etwas sagen? Waren Sie über all die Jahre nicht Freunde geworden? Kopfschüttelnd öffnete er schließlich die Tür zu seinem Büro. Zuerst bemerkte er gar nicht, daß er nicht alleine war. Als sein Blick dann allerdings auf den Schreibtisch fiel, sah er ihn. Was wollte er hier?
"Häuptling...", weiter kam Jim nicht. Dann fiel ihm Blair ins Wort.
"Elllison, was wollen Sie hier? Haben Sie nicht schon genug Schaden angerichtet?"
"Blair, hören Sie mich wenigstens an." Jim stand von dem Stuhl auf, und ging mit ausgebreiteten Armen auf Blair zu.
"Okay, sprechen Sie."
"Was ich gestern Abend gesagt habe... das war nicht so gemeint. Ich wollte Sie nicht verletzen, aber ich weiß, daß ich das trotzdem getan habe. Wissen Sie, ich hatte einen schweren Tag. Und ich wußte nicht, was ich da sagte. Mir wurde erst später bewußt, was ich Ihnen mit diesen Worten angetan haben muß. Ich weiß, das ist alles keine Entschuldigung. Und ich kann es nur noch mal betonen; ich wußte gestern nicht, was ich da sagte. Nennen Sie es vorübergehende Verblödung, oder so. Aber bitte: Können Sie mir verzeihen?"
"Ist okay, Jim. Ich kann Sie verstehen. Aber versprechen Sie mir eins:
Versuchen Sie bitte in Zukunft Ihren Streß an irgend etwas anderem abzubauen.
Was weiß ich, laufen Sie ein Stück, oder reden Sie mit mir."
"Okay, ich verspreche es. Und jetzt kommen Sie her." Blair ließ sich
dankbar in Jims ausgebreitete Arme sinken. Er schlang seine Arme fest um den
starken Rücken seines Partners.
"Ich verzeihe Ihnen, Jim."
II
...cares for you,...
"Oh Mann. Jim bringt mich irgendwann noch um."
"Was ist los Sandburg? Wieso sind Sie hier, wenn Jim außer Dienst ist?"
Simon hatte von seinem Büro aus beobachtet, wie Blair aus dem Fahrstuhl kam und seufzend seine Jacke an den Kleiderhaken hängte.
"Ich halte es im Loft nicht eine Minute länger aus. Es ist Jim – er macht mich verrückt."
"Wie geht es ihm?"
"Wenn Sie mich fragen: Zu gut..."
~~~~~
Ein paar Stunden vorher...
"Haa...tschi!"
Es war 6:10 Uhr morgens, und Jim kam gerade in die Küche hinunter. Blair brauchte keine Sentinel Fähigkeiten, um schon vorher zu wissen, daß er im Anmarsch war. Das ständige Husten und Niesen war nicht zu überhören. Jim sah furchtbar aus. Augen und Nase gerötet und Schweißperlen auf der Stirn.
"Sie sollten wirklich einen Arzt aufsuchen, Jim."
"Nein, nein. Es geht schon."
Sandburg legte seine Hand auf Jims Wange und spürte die ungewohnte Wärme.
"Oh Mann, Sie glühen ja förmlich. Kommen Sie, Sie haben Fieber. Gehen Sie
wieder zurück in Ihr Bett. Ich lasse einen Arzt für Sie kommen, okay?"
"Habe ich eine andere Wahl?"
"Nein."
"Mmmh." Widerstrebend machte er sich auf den Rückweg in sein Bett.
"Und wie geht es ihm?" Der Arzt war gerade mit der Untersuchung fertig geworden, als Blair ihm schon entgegen kam.
"Nur eine mittelschwere Grippe. Ihr Freund hat 39° Fieber, dagegen habe
ich Ihnen etwas aufgeschrieben. Abgesehen davon sollte er mindestens vier bis
fünf Tage Bettruhe halten und viel trinken. Geht es ihm dann noch nicht besser,
sucht er am besten ein Krankenhaus auf."
"Bettruhe. Tja, dann muß ich ihn wohl ans Bett fesseln", murmelte
Blair, als der Doktor seine Ausführungen beendet hatte. "Wie auch immer.
Danke Doktor Feldman, daß Sie hierher gekommen sind."
"Auf Wiedersehen."
"Ja, Bye."
Nachdem der Arzt gegangen war, ging Blair wieder nach oben zu Jim.
"Sie haben ja gehört, was Dr. Feldman gesagt hat. Fünf Tage Bettruhe,
Jim."
"Das geht nicht. Ich habe viel zuviel zu tun. Ich kann nicht fünf Tage im
Bett bleiben."
"Oh doch, das können Sie. Und wenn ich Sie ans Bett fesseln muß. Ich gehe
jetzt und hole die Medikamente. Sie bleiben hier. Im Bett. Und wehe, wenn ich
Sie woanders finde."
"Was dann?"
"Dann muß ich Sie wohl wirklich an Ihrem Bett festschnallen."
Blair kam gerade vom Einkaufen zurück. Er hatte noch etwas Kamillentee für Jim mitgebracht. Als er dann in die Wohnung eintrat, konnte er nicht glauben, was er da sah. Jim stand da und erledigte den Abwasch von gestern Abend. Das durfte doch wohl nicht seine Ernst sein!
"Jim! Was soll das? Was machen Sie da?"
"Den Aufwasch", antwortete er trocken ohne aufzublicken.
"Ich sagte doch, daß Sie im Bett bleiben sollen!"
"Mir fällt da oben die Decke auf den Kopf. Sie wissen ja gar nicht, wie
langweilig das ist."
"Dann ziehen Sie wenigstens mit Ihrem Bettzeug auf die Couch um und gucken
Sie sich einen Lethal Weapon Film an, oder was auch immer. Aber bleiben Sie um
Gottes Willen liegen. Sie sind ja schlimmer als ein kleines Kind!"
Inzwischen hatte Jim sich die Hände abgetrocknet und sich Blair zugewandt. Die Arme vor dem Körper verschränkt stand er da, und hörte Blairs "Ausbruch" zu. "Okay. Vorschlag angenommen, Professor Dr. Sandburg."
"Hoffentlich. Und jetzt kommen Sie. Auf die Couch."
Ungefähr fünfzehn Minuten später hatte Blair Jim ausreichend versorgt. Er
hatte ihn warm eingepackt, ihm seine Medizin gegeben, und einen Film in den
Videorecorder eingelegt.
"Okay, Jim. Ich muß jetzt noch ein bißchen arbeiten für die Uni. Wenn Sie mich brauchen, rufen Sie mich, ja? Und bleiben Sie liegen!"
"Okay. Verstanden."
Kopfschüttelnd ging Blair in sein Zimmer. Er packte die Arbeiten seiner Studenten über die Massai aus und begann mit der Korrektur. Übermorgen mußte er damit fertig sein, und er hatte noch keinen Handschlag dafür gemacht. Jim machte es ihm auch nicht gerade leichter. Er hoffte doch, daß er jetzt wenigstens für eine Stunde Ruhe hatte. Ruhe, vor diesem kleinen Kind, das da draußen auf der Couch lag. Er hatte gerade diesen Gedanken zu Ende gedacht, als er Jim hörte.
"Häuptling!"
"Was ist?"
"Würden Sie bitte das TV – Set etwas verrücken? Ich sehe das Bild
nicht ganz vollständig."
"Jim! Muß das wirklich sein."
"Ich könnte es natürlich auch selbst machen..."
"Okay, okay. Ich komme ja schon." Mit einem Seufzer kam er aus seinem
Zimmer und machte sich daran das TV – Set zu Jims Zufriedenheit zu verrücken.
"Ist das so genehm?", fragte er ihn, als er dann endlich fertig
war.
"Ja. Wesentlich besser. Danke."
"Brauchen Sie sonst noch etwas? Ich würde dann nämlich sehr gerne noch
ein bißchen Arbeit für die Uni erledigen."
"Ja, ja. Gehen Sie nur. Ich denke, ich komme jetzt alleine zurecht."
Und wieder setzte Blair sich an seinen Schreibtisch. Wieder holte er seinen Rotstift heraus und wieder begann er mit der Korrektur der ersten Arbeit. Wie es aussah, hatte er jetzt Ruhe. Jim würde bestimmt bald einschlafen. Tatsächlich kam er dazu, die ersten beiden Arbeiten zu kontrollieren, als er wieder eine altbekannte Stimme vernahm.
"Blair!"
"Was ist denn jetzt schon wieder, Jim?"
"Tee. Setzen Sie mir bitte einen Tee auf?"
"Okay, okay. Ich komme schon." Leicht wütend stapfte Blair in die
Küche und setzte Wasser für den Tee auf. Der Tee war fertig und er wollte ihn
gerade zu Jim bringen, als er ein leises Schnarchen vernahm. Das durfte doch
nicht wahr sein! Erst scheuchte Jim ihn auf, um Tee zu machen, und dann schlief
er ein, bevor er den Tee bekam. Blair sah ein, daß er hier im Loft unter diesen
Umständen wohl nicht zur Ruhe kam. Die Uni war für heute geschlossen – wegen
einer Grippe – Welle... was noch blieb war das Departement. Er beschloß, Jim
einen Zettel zu hinterlegen. Wenn er irgend etwas dringend brauchen würde,
könnte er Blair ja anrufen.
~~~~~
Gegenwart...
Und jetzt war er hier. Nachdem er Simon die ganze Geschichte erzählt hatte, verzog er sich in den Pausenraum. Hier würde er wohl mehr Ruhe finden, als zu Hause.
Eine Stunde lang konnte er relativ gut arbeiten. Als er dann Pause machte, verspürte er ein Kratzen im Hals. Nein, das war sicher keine Erkältung. Doch als er dann aufstand, merkte er, wie er fror. Er befühlte mit der Hand seine Stirn. Mann, ich muß mich bei Jim angesteckt haben. Zuerst wollte er normal weiterarbeiten, aber dann dachte er an seine eigenen Ratschläge, die er Jim gegeben hatte. Er gab Simon kurz Bescheid und fuhr wieder zurück zum Loft. Dort fand er Jim immer noch auf dem Sofa, auch wenn dieser im Moment nicht mehr schlief.
"Häuptling, ich dachte Sie wären im Departement?"
"War ich auch. Aber ich fürchte, ich habe mir auch eine Grippe eingefangen."
Blair holte sich eine Liege, seine Kissen und Decken und baute sein Bett im
Wohnzimmer neben Jim auf. Bevor er sich ebenfalls selbst Bettruhe verordnete,
machte er den Tee noch einmal warm. Als er sich dann hingelegt hatte, fiel ihm
noch etwas Wichtiges ein.
"Ich wollte noch Suppe für Sie holen, Jim. Tja, wer macht das jetzt
für uns? Es ist bald Mittag..."
Auf Jims Gesicht erschien ein breites Lächeln. "Denken Sie an die selbe
Person, an die ich auch denke?", fragte er Blair.
"Simon", antworteten sie beide wie aus einem Mund.
Jim griff nach seinem Handy, welches auf dem Tisch lag. "Ich ruf ihn
an."
"Und sagen Sie ihm gleich, daß er Papiertaschentücher mitbringen soll..."
III
...is just there for you if you need him to...
"Jim. Ist alles okay?" Blair sah besorgt aus. Der letzte Fall ließ einige Erinnerungen in Jim hochkommen. Erinnerungen an eine ehemalige Geliebte, die er vor nicht ganz einem Jahr verloren hatte. Sie starb in seinen Armen. Ihr Name war Lila Hobsen. Nach ihrer kurzen Affäre war sie verschwunden, um dann wieder aufzutauchen – als Komplizin in einem Mordfall. Sie wurde schließlich erschossen. Vor Jims Augen. Blair fragte sich immer, wie Jim damals damit fertig geworden ist. Und jetzt – wieder ein Mordfall. Das Opfer – es war Lilas jüngere Schwester. Der Täter war relativ schnell gefunden, aber Blair erkannte es in den Augen seines Freundes, daß dieser Hilfe brauchte, auch wenn er es nicht zugeben wollte.
"Was? Ja. Mir geht’s gut."
"Sind Sie sich sicher?"
"Ja. Lassen Sie uns nur heimgehen. Ich brauche Schlaf. Es ist schon
spät."
"Okay, Jim."
0:28 Uhr. Blair hatte die ganze Nacht nicht schlafen können, und er wußte, daß es Jim auch nicht anders ging. Er wußte, daß Jim oben in seinem Bett lag und die Decke anstarrte, daß er versuchte, sich kaum zu bewegen, in der Angst, daß er Blair aufwecken würde. Nicht nötig Jim, ich bin wach. Einerseits wollte er jetzt zu ihm hochgehen, ihm Trost spenden. Aber sein Instinkt sagte ihm, daß er damit nichts erreichen würde. Wenn James Ellison nicht bereit war, seine Gefühle an die Oberfläche zu lassen, dann würde Sandburg auch keine Chance haben, zu ihm durchzubrechen.
2:32 Uhr. Und immer noch kein Schlaf. Immer noch kein Zeichen von Jim.
Ihm war es jetzt zuviel. So konnte es nicht weitergehen. Jim mußte jetzt mit
jemandem reden. Seit ihnen dieser Fall übergeben wurde, war der Sentinel
außergewöhnlich abweisend gewesen, wenn Blair oder Simon ihn auf Lila oder
ihre Schwester ansprachen. Weder Simon noch er selbst konnten an Jim heran
kommen. Er winkte jedesmal ab, mit der Begründung, daß es ihm gut ging. Aber
jeder konnte sehen, daß dem nicht so war. Er schlief nur noch selten.
Höchstens eine Stunde pro Nacht. Er sah einfach furchtbar aus. Wenn er nicht
bald aus sich heraus kam, würde er noch zerbrechen. Es war Blairs größte
Befürchtung, daß sich Jim vollkommen abschotten würde. Nachdem er damals
ungewöhnlich schnell über Lila hinweggekommen war, brachen jetzt die alten
Wunden wieder auf. Und das war das Schlimmste, was jemanden wie ihm passieren
konnte. Jemanden, der nur selten Gefühle zeigen konnte. Nur mit Emotionen wie
Schuld oder Wut hatte er keine Probleme. Aber Angst, Schmerz – Jim war einfach
nicht auf diese Art und Weise erzogen worden. Jetzt war es Blairs Aufgabe, Jim
zu zeigen, daß er für ihn da war, daß er keine Angst zu haben brauchte, ihm
sein Innerstes zu offenbaren. Mit einem Seufzer schwang er seine Beine aus dem
Bett. In der Küche angekommen, setzte er sich Wasser für den Tee auf. Er hatte
das heiße Getränk gerade aufgebrüht, als er hörte, wie Jim aus seinem Zimmer
in die Küche kam.
"Häuptling, was machen Sie um die Zeit in der Küche?"
"Ich konnte nicht schlafen."
"Erzählen Sie mir warum?" Jim blieb auf Distanz. An den Türrahmen
gelehnt stand er da und beobachtete Blair, während er mit ihm sprach.
"Ich mache mir Sorgen."
"Weshalb?"
Verdammt. Was sollte ich jetzt darauf antworten? Wenn ich jetzt die Wahrheit sage, würde sich Jim vielleicht wieder zurückziehen. Aber andererseits... was soll’s. Jetzt oder nie.
"Ihretwegen." Blair erwartete von Jim wenigstens eine ablehnende Geste oder ein Kopfschütteln. Aber statt dessen stand er einfach nur da, die Kiefermuskulatur angespannt und die Arme verschränkt. Fragende Augen blickten auf Blair hinab. Sandburg wandte seinem Freund den Rücken zu. Er konnte es nicht ertragen, ihm dabei in die Augen zu sehen. Bevor er anfing mit Reden, holte er noch einmal tief Luft.
"Sie sind in letzter Zeit so abwesend, lassen niemanden an sich heran, ja noch nicht einmal mit mir wechseln Sie mehr Worte als unbedingt nötig. Ich weiß auch, daß Sie schon seit Tagen kaum geschlafen habe. Jim, Sie müssen mit jemandem reden. Über Lila. Es ist schwer genug, jemanden zu verlieren. Und erst recht, wenn man dachte, man sei darüber hinweg. Aber Sie machen es sich nicht leichter, wenn Sie den Schmerz nicht herauslassen. Glauben Sie mir. Ich weiß wie Sie sich fühlen. Ich..." Weiter kam er nicht mehr. Er glaubte hinter sich ein Schluchzen gehört zu haben. Hastig drehte er sich um – und da saß Jim auf der Couch, das Gesicht in den Händen vergraben, und ließ alles heraus.
"Jim..." Blair setzte sich neben ihn und legte ihm seinen Arm um
die Schulter. Er spürte wie der Körper unter seiner Hand erzitterte. Mit der
Hand rieb er nun sachte über den Jims Rücken. "Ja. Scheuen Sie sich nicht,
zu weinen, Jim. Ich bin hier." Nach einer Weile ließ das heftige
Schluchzen nach. Zum ersten Mal schaute Ellison nun wieder auf zu Blair. Seine
Augen waren gerötet, und die Tränen liefen unaufhaltsam über seine Wangen.
"Sie wollte sich gerade ändern. Aus dem kriminellen Geschäft aussteigen.
Dann erschoß er sie. Einfach so. Mein Gott, Blair... Sie starb in meinen Armen...Ich
konnte nichts tun."
"Ruhig, Jim. Ich bin bei Ihnen. Kommen Sie. Ich bringe Sie in Ihr Bett."
Langsam geleitete Blair seinen Partner hoch in sein Zimmer. Behutsam brachte er
ihn in sein Bett. Jim rollte sich auf die Seite, und Blair legte sich hinter ihn,
immer noch sanft mit der Hand über den Rücken seines Freundes streichelnd.
Vorsichtig breitete er die Decke über sich und seinen Freund aus. Plötzlich
bemerkte er, wie Jim wieder am ganzen Körper erzitterte. Das heftige Schluchzen
hatte von Neuem begonnen, und nun tropften die Tränen auf das weiße Kopfkissen.
"Shh, Jim. Ganz ruhig. Schlafen Sie jetzt. Ich bleibe bei Ihnen – die
ganze Nacht."
Nach weiteren zehn Minuten von herzerweichendem Weinen, kam Jim zur Ruhe und
konnte schlafen. Eine Weile beobachtete Blair seinen Freund noch und strich ihm
noch etwas über den Rücken. Er wollte sicher gehen, daß Jim auch ruhig
schlafen konnte. Aber dann konnte auch er beruhigt die Augen schließen. Endlich.
Endlich hatte Jim seinen Frieden wiedergefunden.
...and most of all he knows: That’s what BEST friends are for.
- ENDE -
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